Willkommen beim Literaturblog von Elisabeth Stuck

Safiye Can – Porträt einer Autorin

Fotokredit: Ali Malak
Safiye Can schreibt Lyrik und Prosa und übersetzt Gedichte. Sie hat mehrere Literaturpreise und Stipendien erhalten (u.a. den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur). Sie ist als Gastdozentin an verschiedenen Universitäten tätig. Sie ist Vorstandsmitglied der Zeitschrift die horen.

Safiye Can engagiert sich als Botschafterin für das Lesen und das Schreiben von Gedichten. So führt Safiye Can seit 2003 Schreibwerkstätten für junge Menschen und für Erwachsene durch. Seit 2014 tut sie dies unter dem Titel bzw. mit dem Hashtag #DichterClub. Damit ermöglicht sie vielen Menschen einen niederschwelligen Zugang zur Poesie.

Safiye Can wurde in Offenbach als Tochter tscherkessischer Eltern geboren. Sie studierte in Frankfurt a.M. Philosophie, Psychoanalyse und Jura.

Safiye Can als Dichterin 

Schon in ihrem ersten Gedichtband Rose und Nachtigall. Liebesgedichte (2014) hören wir einen unverwechselbaren Ton. Es sind Liebesgedichte, die von Sehnsucht, von Hoffnung und von Enttäuschung sprechen. Was soll daran so besonders sein? Liebesgedichte gibt es doch schon unzählige!

Doch Safiye Cans Liebesgedichte sind eine Sensation. Der Band wurde so gut aufgenommen, dass der Wallstein-Verlag 2020 eine sehr schön illustrierte Neuausgabe von Rose und Nachtigall herausgebracht hat.

Das Langgedicht mit dem Titel „Rose und Nachtigall" schliesst mit folgender Strophe:

Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen

Verwandelt sich zu Stein

Was ich berühre

Aus einem Stein wird keine Rose.


Als Lesende kennt man den obigen Vers „Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen", denn er kommt in vielen Strophen dieses Gedichts vor. Diese mehrfache Wiederholung hält das lange Gedicht zusammen. Zudem erinnert diese formelhafte Wendung an ein Klagelied oder an ein Gebet. Cans Sinn für Humor und für Lakonisches bewahrt all ihre Liebesgedichte vor einem Absinken in eine persönliche Betroffenheits-Lyrik. Auch wenn's ums grosse Ganze einer Liebesbeziehung geht, in Safiye Cans Liebesgedichten manifestiert sich dies immer an etwas Kleinem, Alltäglichem, ganz Konkretem.

‚Rose und Nachtigall' ist übrigens ein Motiv, das in der türkischen Literatur seit gut tausend Jahren vorkommt. Zuerst als religiöses Symbol in der islamischen Mystik (Rose für Gott); dann verwenden Autor*innen „Rose und Nachtigall" als Symbol für eine Liebesbeziehung im realen Leben. Mehr zum Motiv ‚Rose und Nachtigall' in der türkischen Literatur findet man im informativen Nachwort von Murat Tuncel. Safiye Can geht in ihren Liebesgedichten im Band Rose und Nachtigall erfrischend innovativ mit diesem bekannten Motiv um.Es gelingt ihr, an diese Tradition anzuknüpfen, diese zu transformieren und damit neu zu beleben. Gleichzeitig signalisiert sie mit dem Vers „Fern vom Land der Rosen und Nachtigallen" einen Abstand zu dieser Tradition.

Mehrfache Wiederholungen des Eingangsverses prägen auch das Langgedicht „Poesie und Pandemie", das im Band mit dem geleichen Titel (2021) enthalten ist. „Wir haben in diesem Jahr gelernt" – so beginnen viele Strophen. Dieses Gedicht werden wir später einmal als lyrischen Ausdruck der Auswirkungen der Corona-Pandemie ab 2019 lesen können. Denn im Anhang finden sich einige zeitgenössische Dokumente wie beispielsweise Hygienetipps von infektionsschutz.de. Mit diesen Dokumenten lässt sich später einmal verstehen, worauf Safiye Cans Gedicht anspielt. In meinem Gedächtnis eingegraben haben sich indes andere Gedichte aus diesem Band. Es sind Gedichte, die andere zeitgenössische Fragen und Krisen engagiert in den Blick nehmen.

Safiye Can als gesellschaftlich engagierte Dichterin 

Besonders eindrücklich für dieses Engagement ist das Gedicht „Einzeltäter" (Poesie und Pandemie 2021, S. 9).

Ein Einzeltäter

nur ein Einzeltäter

ein Einzeltäter nur

noch ein Einzeltäter

noch ein Einzeltäter

und noch ein Einzeltäter

noch ein Einzeltäter

und noch ein Einzeltäter

noch ein Einzeltäter

und noch ein Einzeltäter

noch ein Einzeltäter

und noch Einzeltäter

nur ein Einzeltäter noch

nur noch ein Einzeltäter

und noch ein aller

letzter Einzeltäter

nur einer noch

wirklich

dann wird alles

wieder gut.


Ohne Erklärungen distanziert sich dieses Gedicht von der beschwichtigenden Argumentationsmustern nach einem Attentat. Nur schon die grosse Anzahl von so vielen Einzeltätern in diesem Gedicht macht deutlich, wie scheinheilig und verlogen die Einzeltäter-Erklärung nach einem Attentat sein kann. Hier merkt man, dass Safiye Can eine Dichterin ist, die gern und gekonnt die Mittel der Konkreten Poesie und der Visuellen Poesie einsetzt.

Engagiert ist auch das Gedicht, „Wenn du eine Frau bist" (Poesie und Pandemie 2021, S. 27-31), in dem 53 Verse mit „Wenn du eine Frau bist" beginnen. An der Entstehung dieses Gedichts haben über 150 Teilnehmerinnen mitgewirkt. Sie folgten einem Social-Media-Aufruf der Autorin.

Zuweilen bleibt mir bei einzelnen dieser engagierten Gedichten etwas wenig Raum für verschiedene Lesarten – aber das gehört zu den Risiken engagierter Literatur. Bewundernswürdig dünkt mich, wie die Autorin den programmatischen Titel Poesie und Pandemie einlöst: Safiye Cans Gedichte machen mit poetischem Kunstverstand aktuelle gesellschaftliche Krisen und Probleme deutlich. Angesprochen fühle ich am meisten von denjenigen engagierten Gedichten, die ohne Erklärungen und explizite Aufrufe auskommen. Und davon hat es viele in Safiye Cans bisher erschienenen Gedicht-Bänden.

Gedichte mit überraschenden Pointen und Humor 

Was ich an Safiye Cans Gedichten besonders mag, sind überraschende Kippfiguren und Gegensätze wie z.B. zwei einander gegenübergestellte Gedichte, mit denen sie die Lesenden zum Lächeln bringt. Damit erhalten auch Gedichte zu einem ernsten Thema zuweilen für einen Moment eine unerwartet leichte und heitere Note. Eines meiner Lieblingsgedichte aus dem Band Kinder der verlorenen Gesellschaft (S. 30) hat eine solche überraschende Pointe. 

lauftext-Lyrikkalender 2021

Safiye Can als Übersetzerin 

Safiye Can hat Gedichte bekannter türkischer Lyriker auf deutsch übersetzt. Sie kennt das Formen- und Motivrepertoire der türkischen Literatur bestens. Wiederholungen sind in der türkischen Lyrik ein wichtiges Stilmittel. In folgender Übersetzung sieht man, dass mit „rot" ein identischer Reim mehrfach wiederholt wird. Diese Wiederholung wirkt poetisch sehr stark. (Die älteren Semester erinnern sich vielleicht noch an konservative deutsche Versschulen, die vor identischen Reimen in der deutschen Literatur warnten. Zum Glück ist die Zeit solcher normativen Poetiken vorbei!).

In Safiye Cans Gedichtübersetzungen und auch in ihren eigenen Gedichten kann man die poetische Kraft verschiedener kultureller Formentradition erleben. Safiye Can ist mit den poetischen Formen der deutschen Literatur ebenso vertraut wie mit denjenigen der türkischen Literatur. Insbesondere die Konkrete Poesie, die Visuelle Poesie und Gedichte aus Textcollagen faszinieren sie.

Safiye Can hat übrigens auch einzelne Gedichte aus dem Deutschen ins Türkische übersetzt, so z.B. „Das Blaue Klavier" von Else Lasker Schüler oder „untereinander" von Franz Mon.

Die Liebe rot

Die Sonne ergießt ihr Feuer
Von der Jahreszeit ist's Juli
Die Datteln rot.
Ihre blauen Augen starren in meine
Zur Blume erwacht das Herz erneut
Wie Äpfel so scheinen
Die Wangen rot.
Ihr Haar, dem Wind anvertraut
Das Lächeln, wie eine Sternschnuppe
Zerteilt die Dunkelheit
Die Lippen rot.
Sie hängt sich bei mir ein
Wir leisten einen Eid
Freiheit duldet kein Zögern
Die Liebe rot.

Gedicht: © Molla Demirel, 28.03.2013, Originaltitel "AŞK KIRMIZI". Übersetzt von Safiye Can
(Quelle: http://www.safiyecan.de Stand 16.12.2021)

Für Safiye Can macht Kunst nicht an nationalen Grenzen halt

Als Kuratorin des Open Space „Zwischenraum für die Kunst" der Heinrich-Böll-Stiftung ist Safiye Can seit langem engagiert für ein offenes Kunstverständnis. Es ist ein transnationales Verständnis, d.h. es geht nicht von einer simplifizierenden Unterscheidung ‚das Fremde – das Eigene' aus. Deutschland war immer schon ein Einwanderungsland, das ist der Ausgangspunkt dieses kulturellen Zwischenraums. Safiye Can engagiert sich hier dafür, dass migrantische Autor*innen mit Interviews oder mit Video-Lesungen eine Publikationsplattform haben.

Fazit: Es lohnt sich, einen Gedichtband von Safiye Can in die Hand zu nehmen und sich darin zu vertiefen. Wer gern digital unterwegs ist: Die Autorin gibt auf ihrer persönlichen Webseite www.safiyecan.de oder über Social Media Einblick, woran sie Dichterin und Übersetzerin arbeitet und was sie bewegt. Und wer sich für Safiye Cans kulturpolitisches Engagement interessiert, geht am besten in den Open Space «Zwischenraum», besucht virtuelle Lesungen und lernt auch über Interviews viele interessante Autor*innen kennen.

https://heimatkunde.boell.de/de/zwischenraum-fuer-kunst 


  • Poesie und Pandemie. Gedichte, Wallstein Verlag, Göttingen 2021. (2. Auflage geplant, Stand Jan. 2022)
  • Kinder der verlorenen Gesellschaft. Gedichte, Wallstein Verlag, Göttingen 2017 (Derz. 2. Aufl.)
  • Rose und Nachtigall. Liebesgedichte, Größenwahn Verlag, Frankfurt, 2014 (6. Aufl. bis 2017. Vergriffen). Seit 2020 bei Wallstein Verlag (Dort 2. Aufl 2020. Gesamtauflagenzahl 8) 
Yusuf Yeşilöz: Nelkenblatt

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Kommentare 2

User
User - Alexandra Vogel am Dienstag, 11. Januar 2022 12:39

Super Beitrag!

Super Beitrag!
User
User - Peter am Dienstag, 11. Januar 2022 18:01

Gratuliere. Viel Erfolg mit dem Blog !

Gratuliere. Viel Erfolg mit dem Blog !
User
Freitag, 30. September 2022